Text von Adalbert Stifter und Komposition von Ludwig von Beethoven im „Kleinen Konzert“

Adalbert Stifters Text „Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“ und Ludwig van Beethovens Klaviersonaten waren Gegenstand des Kleinen Konzerts, das am Sonntagabend zahlreiche Besucher in die evangelische Kirche lockte. Der hoch eindrucksvolle Text, gelesen von Eberhard Blauth,  verbindet die genaue physikalische Beschreibung des kosmischen Vorgangs mit der Schilderung der inneren Betroffenheit, die dieses Ereignis nicht nur bei ihm ausgelöst hat. Die Pianistin Reiko Emura ist in Japan geboren, studierte zunächst in Tokyo Komposition und dann an der Musikhochschule Karlsruhe Liedgestaltung. Sie begann mit dem ersten Satz der Sonate 110 in „moderato cantabile, molto espressivo“. Ihr hervorragender Vortrag stimmte die Zuhörer ein auf den ersten Teil des Textes.

Obwohl er zu einer exakten Berechnung fähig sei, schreibt Stifter, wann der Schatten des Mondes als schwarze Scheibe die Sonne verdecke, und er dieses Ereignis fünfzig Jahre lang vorausgesehen habe, sei er in diesem Moment „von Schauer und Erhabenheit erschüttert gewesen. Stifter fährt fort mit einer Reflexion über den Schöpfer, der diese Präzision „vor tausendmal tausend Jahren gemacht habe, dass es heute zu dieser Sekunde sein wird“, bis er sich in vielen erzählerischen Schleifen und Windungen dem Kernpunkt des Geschehens nähert: „Endlich, zur vorausgesagten Minute, empfing sie (die Sonne) den sanften Todeskuss“. Der Dichter fährt fort, spricht von der aufkommenden Finsternis, der eisigen Kälte, den Winden, von einem „bleischweren Licht und einer Ruhe der Ohnmacht“. Höchst eindrücklich schildert der Dichter das Naturphänomen bis ins kleinste Detail, wortreich, farbig und berührend. Beethovens Musik kommentiert die Worte mit gewaltigen Klängen, brausend, aufsteigend, drängend. Dann war es vorbei: „Wie das letzte Glimmen eines Dochts erlosch der letzte Funken Licht. Es war Totenstille. Es war der Moment, der wahrhaft herzzermalmend wirkte, da Gott redete und die Menschen horchten.“ Diesen Moment ließ Reiko Emura musikalisch mit dem dritten Satz der Sonate in Adagio als Trauermusik erspüren. Und ebenso empfindsam wie aussagekräftig interpretierte sie den Augenblick, „als ein winziger Lichttropfen hervorquoll, gleißend wie weißschmelzendes Metall drängte er sich heraus – und wir hatten unsere Welt wieder“. Lebhaft und marschmäßig brachte sie die Freude zum Ausdruck, Stifters „grell und närrisch“ schreiende Sperlinge wurden anschaulich. Neben Beethoven brachte Reiko Emura eigene Improvisationen zu Gehör. Brillant, kompakt und mit Tiefgang ergänzten diese das Konzert zu einem wunderbaren Gesamtkomplex. Die Zuhörer dankten ihr und Eberhard Blauth mit anhaltendem Beifall für den beeindruckenden Abend.

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