Stephanie Hanel schreibt über ihren Wechsel in die Vereinigten Staaten

100 Tage hier & 100 Tage dort

Stephanie Hanel ist Mutter, Ehefrau, Hunde-Mama und Autorin. Genau in dieser Reihenfolge beschreibt sie sich selbst in ihrem neuesten Buch „100 Tage hier & 100 Tage dort“. Stephanie Hanel hat das badische Dorf Weingarten verlassen und ist mit Ehemann, Tochter und Hund nach Brooklyn, New York City gezogen.

In dem ihr eigenen Stil fängt Stephanie Hanel natürlich nicht am Anfang an. Sie berichtet nicht, wie es dazu kam, sondern springt mitten hinein ins Geschehen. Das Buch beginnt in Tagebuchform 100 Tage vor der Abreise und endet 100 Tage nach der Ankunft. Jeder, der schon einmal in eine andere Stadt gezogen ist, kennt die Aufgaben, die sich in dieser Situation auftürmen: Wohnung kündigen, neue Wohnung suchen, Schulwechsel, Ummeldungen, Spedition beauftragen und tausend Dinge mehr. Um ein Vielfaches wird dieser Aufwand gesteigert, wenn es ins nicht europäische Ausland geht, dazu noch mit Hund. Stephanie schwirrt zwischen Visum beantragen und Gepäcklisten für die Spedition erstellen, zwischen überflüssigen Hausrat verschenken und Tierarzt aufsuchen. Dass das Klavier in die Mühle kommt, ist für ortskundige Leser besonders reizvoll. Die Vorsitzende der „BücherFrauen“ versinkt in gefühlt Millionen von Büchern, die dahin und dorthin gehen sollen und ertrinkt förmlich in Anträgen und Formularen aber auch Bildern und Texten voller Erinnerungen.

Dazwischen steht der Sohn Nick, der gerade 18 Jahre alt ist und sein Berufsziel Winzer in Deutschland weiterverfolgen möchte. Und da die Kinderbuchautorin Hanel es versteht, Dinge aus besonderen Perspektiven auf den Punkt zu bringen, kommentiert sie Nicks Entscheidung mit der Feststellung „Das zieht im Mama-Bauch“. Tochter Paula braucht in Brooklyn eine Schule. Bei der Schulbehörde stellt Stephanie fest: „Alle sehr besonders für uns, weil dunkelhäutige Amerikanerinnen und unglaublich liebevoll. Sie strahlen diese fantastische Gelassenheit aus, von der wir so weit entfernt sind.“ Ist jemand, der das registriert, tatsächlich so weit von der Gelassenheit entfernt? Die 100 Tage davor sind voll Trubel, Chaos und Aufregung, aber immer wieder, nahezu täglich, finden sich in diesem Meer dennoch Inselchen von Zeit. Zeit für kurze Begegnungen, Gespräche, Innehalten, die Stephanie bewusst genießt, die es wert sind, festgehalten zu werden, aber auch genauso für eine kurze Nabelschau des eigenen Befindens. Das bietet dem Leser Authentizität und Nähe. Die ersten 100 Tage dort sind voller Überraschungen. Jetzt stehen Entdeckungen im Mittelpunkt. Das Klima, der Times Square, der sich als „Nabel der Welt“ unerwartet dreckig präsentiert. Dann wieder Sonnenuntergänge, prächtige Gärten, und die Schilderung des Sich-Zurechtfindens. Das Buch ist sehr lebendig und unterhaltsam geschrieben und lässt den Leser teilhaben. Es ist ein Kaleidoskop von Situationen: Aufgaben, Gedanken, Gefühlen. Es ist kein Leitfaden für Ausreisewilige.

Stephanie Hanel hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Journalistin und Kinderbuchautorin. Bis zu ihrer Abreise war sie Vorsitzende des Vereins „BücherFrauen“ und lebte mit ihrer Familie und Hund Lissy in Weingarten. Rezensionen über zwei ihrer Bücher – „Eine Bärengeschichte“ und „Linns Abenteuer“ - wurden in den Badischen Neuesten Nachrichten veröffentlicht. „100 Tage hier & 100 Tage dort“ ist in der Buchhandlung „Bücherwurm“ erhältlich.

 

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